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ErstellerThema   Ernst-August Stüssel: Nach 20 Jahren ist Schluss
HWerft
Erstellt am 15.04.2021 - 22:25

Nach 20 Jahren ist Schluss: Diese Vereinslegende verabschiedet sich


Im Februar ist Ernst-August Stüssel als Vorsitzender von Union 92 Halle verabschiedet worden. Er hat er an vielen Stellen des Vereins gewirkt. Eine Geschichte über einen Mann mit vielen Facetten.
Heiko Kaiser 15.04.2021

Dieses T-Shirt überreichte ihm der Verein bei seiner Verabschiedung. © Heiko Kaiser

Halle. Der um den Hals gelegte Vereinsschal folgt schwingend der Jubelbewegung. Die Arme sind kerzengerade in die Höhe gereckt. Die Fäuste geschlossen. Das erleichternde „Jaaa" ist deutlich vom geöffneten Mund abzulesen. Das Foto sagt viel über Ernst-August Stüssel. Über den Mann, der von 2007 bis 2020 Vorsitzender der Handballer der HSG Union 92 Halle war. „EA", wie er manchmal genannt wird, ist ein emotionaler Mann. Einer, der von sich sagt, dass ihn Nachrichten, egal ob gute oder schlechte, berühren.

„Das haben sie mir zum Abschied geschrieben", sagt er und legt die Dankeskarte der Handballabteilung auf den Tisch. Im Dezember 2020 ist er anlässlich der Jahreshauptversammlung offiziell verabschiedet und zum Ehrenvorsitzenden ernannt worden. Die Worte der Würdigung sind ihm wichtig. Nicht der Selbstbestätigung wegen, sondern weil sie spiegeln, was er den Menschen in seiner 20-jährigen Vorstandsarbeit entgegengebracht hat und das stets im Mittelpunkt seiner offenen Art stand: Wertschätzung.

Eltern führten die Gaststätte Stüssel in Werther



Der 69-Jährige ist vom Herzen her Wertheraner. Dort ist er geboren. Dort führten die Eltern die Gaststätte Stüssel. Lange habe er sich nicht vorstellen können, „hinter den Berg" zu ziehen, gesteht er. Zwar folgte er bereits in den 70er-Jahren als Jugendlicher dem Ruf des TV Künsebeck, um dort Handball zu spielen, seine Heimat aber blieb Werther.

Es war eine rationale Entscheidung angesichts besserer Schulmöglichkeiten für die beiden Kinder Lennart und Male und auch berufliche Gründe, die das Ehepaar Stüssel nach Halle führte. Denn Ernst-August Stüssel ist auch ein rationaler Mensch. Er musste es sein. Das forderte schon der Job. Er war Direktor mit Prokura in der Firmenkundenbetreuung einer Bank.

Ein Profil wie geschrieben für einen Vereinsvorsitzenden



Sicher im Umgang mit Zahlen, gewohnt, Verantwortung für Menschen zu übernehmen und sie zu führen – dieses Profil ist wie geschrieben für einen, der die Geschicke eines Vereins lenken soll. Die unterschiedlichen Befähigungen tragen in sich aber auch die Gefahr, zu viel aufgebürdet zu bekommen.

Berufliche Führungsposition, verantwortlich für das Sponsoring einer Drittliga-Mannschaft, Vereinsvorsitzender, Sportlicher Leiter, mit der Herstellung der Vereinsbroschüre und des Spielheftes beauftragt, am Wochenende mit der Frauen-Mannschaft in Sporthallen von Bonn bis Magdeburg unterwegs, gefragt, wenn es darum ging, neue Spielerinnen anzusprechen oder ihnen berufliche Perspektiven zu verschaffen. Und dabei gleichzeitig privat enorm gefordert. „Ich weiß nicht, wie ich das manchmal geschafft habe", sagt Ernst-August Stüssel heute und ergänzt: „Es ging nur, weil ich Menschen hatte, die mich unterstützt haben." Er nennt beispielhaft einige Namen: „Wolfgang und Didi Kahmann, Jochen Ehrke, Harald Werft, Stefan Scheer, Dirk Schneider."

"Wenn man selbst begeistert ist, kann man auch andere begeistern"



Seine Frau Hildegard sitzt am Tisch und verfolgt das Gespräch. „Was meinst du?", sagt Ernst-August Stüssel, als er gefragt wird, ob es eine besondere Stärke von ihm ist, Menschen zu begeistern. „Hildegard Stüssel wiegt den Kopf, dann lächelt sie und antwortet: „Wenn man selbst begeistert ist, kann man auch andere begeistern."


So engagiert sah man Ernst-August Stüssel, rechts seine Frau Hildegard, jahrelang bei den Drittligaspielen der HSG Union 92 Halle. Der Verein war für ihn eine Herzensangelegenheit. (© Heiko Kaiser)

Eben mit dieser Begeisterung, der Hingabe für seine Aufgaben hat Ernst-August Stüssel viel in der Union bewegt. Nach Meilensteinen gefragt, nennt er das Handballturnier, den Freiluft-Kup Künsebeck (FKK), an dem bis zu 129 Mannschaften teilgenommen haben und von dem er bedauert, dass es 2012 eingestellt werden musste, weil die Schlacke an der Künsebecker Grundschule von vielen Teams zunehmend gemieden wurde.

Weitere Höhepunkte waren die großen Spiele der Frauenmannschaft. „2007 haben wir im DHB-Pokal gegen den Bundesligisten VfL Oldenburg gespielt. Oder 2010 das Spiel vor 650 Zuschauer in der Masch gegen TuS Lintfort, das wir gewonnen haben. Danach waren wir Regionalliga-Spitzenreiter. Den Aufstieg hätten wir aber finanziell nicht stemmen können", sagt Stüssel.

„Bei uns gab es Kilometergeld, mehr nicht"



Die Finanzen stecken die Grenzen eines Vereins ab, von dem der ehemalige Vorsitzende heute sagt, es sei schon eine besondere Leistung gewesen, neun Jahre lang die Zugehörigkeit zur 3. Liga zu sichern. Zumal der Unterbau dafür fehlte. Und so war er gefragt, Spielerinnen davon zu überzeugen, dass es sich lohne, in Halle zu spielen. Finanzielle Argumente fehlten.

„Bei uns gab es Kilometergeld, mehr nicht. Und das auch nur für die, die studierten oder weite Wege hatten", sagt er und räumt gleichzeitig mit einer oft vorgetragenen Meinung auf. „Viele haben gesagt, ihr habt ja Gerry Weber im Rücken. Ihr habt genug Geld. Das ist so nicht ganz richtig. Gerhard Weber hat einmal zu mir gesagt: Wenn du eine Russin holen willst, die zehn bis 15 Tore pro Spiel für euch wirft, da mache ich nicht mit." Geld zu bezahlen wäre auch unfair gewesen gegenüber Spielerinnen wie Nicola Pape oder Edda Sommer, die für ihr jahrzehntelanges Engagement keinen Cent erhielten, so Stüssel.

Mit einer Entlassung hadert er noch heute



Dennoch musste durch Sponsoring Geld beschafft werden. Etwa, um 4.000 Euro Schiedsrichterkosten pro Saison, weite Fahrten oder Trainergehälter zu finanzieren. Vier Coaches erlebte Ernst-August Stüssel zu Drittligazeiten. „Den Motivator Kalla Klenke, den Profi Zygfryd Jedrzej, der hohe Anforderungen an die Spielerinnen stellte, den Perfektionisten Uwe Landwehr und zuletzt Steffen Thiede."

Noch heute hadert Ernst-August Stüssel mit der Entlassung von Landwehr. „Das hat mir nicht gefallen. Die Notwendigkeit war vielleicht da. Aber nicht aus sportlichen Gründen", sagt er heute.

Im Reinen mit seinem eigenen Rücktritt



Im Reinen ist er hingegen mit dem Zeitpunkt des eigenen Rücktritts. „Wenn du so ein junges, motiviertes Nachfolgerteam hast, kannst du beruhigt aufhören. Sie sorgen dafür, dass die Union auch zukünftig sehr gut aufgestellt ist und du kannst sagen: So, das war es jetzt."

Aber noch nicht ganz. Denn Ernst-August Stüssel wird auch weiterhin im Sponsoring für den Verein aktiv sein. „Wir haben gleich eine Vorstands-Online-Konferenz", sagt er. Wir. Einmal Union, immer Union.

Daneben aber ist jetzt mehr Zeit für andere Hobbys. Für Reisen zu Sportereignissen beispielsweise. Zuletzt waren er und seine Frau Hildegard bei den Fecht-Europameisterschaften in Düsseldorf, bei der Eishockey-WM in Köln oder bei der Turn-WM in Stuttgart. Oder Zeit für Bücher. „Ich bin politisch sehr interessiert und sammle Sportbücher und -zeitschriften. Besonders die Ausgaben nach Großereignissen. Ich habe die Kicker-Ausgabe nach dem WM-Sieg 1954", sagt er. Zahlen, Emotionen und Nostalgie. Ernst-August Stüssel lässt sich eben nicht auf eine Dimension reduzieren.

Quelle: Haller-Kreisblatt vom 14.04.2021